Neuentwicklung: Optisches Startsignal am Startblock


Hans Jürgen Wolff
Hans Jürgen Wolff
Wenn in rund einer Woche die Asian Games in Doha beginnen, werden in vielen Sportstätten auch deutsche Produkte zum Einsatz kommen. Im Schwimmstadion dabei: die Zeitmesstechnik von Boards & Timesystems aus Wuppertal. „Wir haben die Hardware geliefert”, sagt deren Geschäftsführer Hans Jürgen Wolff, „die Bedienung macht der Schwimmverband Katar in Verbindung mit einer Partnerfirma.” Im Stadionwelt-Gespräch gibt er einen Überblick über die Funktionsweisen der Zeiterfassung bei Schwimmwettbewerben.

Stadionwelt: Erklären Sie uns doch bitte den technischen Aufbau der typischen Schwimm-Zeitmessanlage?

Wolff: Die Anlage besteht aus einem Startsystem mit Startermikrofon am Beckenrand. An jedem Startblock, sowohl an der Ziel- wie auch an der Wendeseite, befinden sich Start-Lautsprecher und eine Fehlstartplattform. Vor jedem Startblock wird eine Anschlagplatte mit Kontroll-Handtaster befestigt. Das Zeitmessgerät Typ „System 6” befindet sich gegenüber des Startsystems am Beckenrand, so dass man alle Bahnen einsehen und den Rennverlauf beobachten kann. Eine oder mehrere Anzeigetafeln werden so angebracht, dass sowohl die Aktiven als auch das Publikum die Rennen verfolgen können. Nachdem der Starter mit seinem Startermikrofon die Schwimmer auf den Startblock gerufen hat, löst er mit einer Taste des Startermikrofons den Start aus. Der Startton erklingt, der Startblitz leuchtet auf und von da an läuft die Zeit sowohl auf dem Zeitmessgerät als auch auf der Anzeigetafel. Der Startblitz war bis vor einem Jahr an der Seite des Beckens angebracht und die Schwimmer mussten den Kopf schief halten, um den optischen Reflex zu erfassen, der vom Gehirn schneller umgesetzt wird als das akustische Signal. Colorado Time Systems hat eine Fehlstartplattform erfunden, die auf der Frontseite eine LED-Lichtleiste hat, die beim Start aufleuchtet. So hat jeder Schwimmer das optische Startsignal direkt vor sich. Diese Fehlstartplattformen kosten je Stück circa 1.000 Euro und werden deshalb aus Kostengründen nur bei Großveranstaltungen eingesetzt.

Anzeigetafeln können an die Messtechnik angeschlossen werden. <br> Bild: Boards & Timesystems
Anzeigetafeln können an die Messtechnik angeschlossen werden.
Bild: Boards & Timesystems

Stadionwelt: Und wie funktioniert die Messung am Ende des Rennens? Der Zuschauer erkennt meist nicht mehr als eine farbige Platte am Beckenrand.

Wolff: Bei den Anschlagplatten gibt es verschiedene Typen, die sich von Hersteller zu Hersteller unterscheiden. Einige haben drei horizontale Kontaktstreifen, unser Colorado-Modell hat hingegen eine komplette Kontaktfläche über die gesamte Breite von 2,40 Metern bei einer Höhe von 90 cm. Zwischen den einzelnen Bahnen mit einer Breite von 2,50 m bleiben demnach nur 10 Zentimeter Raum für die Trennleinen. Die Anschlagplatten müssen so angebracht werden, dass sie sich 30 cm oberhalb und 60 cm unterhalb des Wasserspiegels befinden, denn nur so ist sichergestellt, dass der Anschlag auch gemessen wird.

Stadionwelt: Wir dick sind die Platten? Theoretisch müsste das Becken ja dann genau um diesen Wert zu lang sein?

Wolff: Laut internationalem Reglement maximal 10 Millimeter. Tatsächlich müssen die Wettkampfbecken aus diesem Grund immer um zwei bis drei Zentimeter länger als 25 oder 50 Meter sein. Das wird auf jeder Bahn und zudem noch in unterschiedlichen Höhen vermessen. Teilweise wurden schon Fliesen abgeschlagen, der darunter liegende Putz abgeschliffen und die Fliesen wieder neu verlegt, damit die Maße stimmten.

Stadionwelt: Man sollte meinen, jedes Becken wäre diesbezüglich gleich.

Wolff: Eigentlich ja, denn sie sind ohnehin alle vermessen und müssen dann, um den Status eines Wettkampfbeckens zu erhalten, von der Bäderkommission des Deutschen Schwimmverbandes abgenommen werden.

Ziel der Athleten: Colorado-Anschlagplatte. <br> Bild: Boards & Timesystems
Ziel der Athleten: Colorado-Anschlagplatte.
Bild: Boards & Timesystems

Stadionwelt: Mit welchem Druck muss der Anschlag passieren?

Wolff: Es kommt immer auf das Fabrikat an. Bei unserem Colorado-Modell reicht ein Finger, bei anderen muss man schon mit der ganzen Hand dagegen schlagen und man muss deshalb auch schon mal 15 Zentimeter mehr schwimmen. Von den Verbänden aus gibt es da keine Norm, keinen Mindestdruck. Nur darf die Sensorik nicht so sensibel sein, dass sie durch eine Welle ausgelöst wird. Bei den waagerecht verlegten Kontaktstreifen kann es sein, dass man mehr Kraft aufwenden muss, wenn man in der Mitte zwischen zwei Kontaktstreifen anschlägt, da sich die Kunststoffplatten biegen müssen, um den Druck auf einen Kontaktstreifen weiterzuleiten. Colorado hingegen hat anstelle der Kontaktstreifen ein engmaschiges Metallnetz, vergleichbar mit einem Fliegengitter. Dieses ist in einen Spezialschaumstoff eingelassen und beim Anschlag entsteht ein Kontakt zu einem dahinter liegenden Gitter. Der Druck kann dabei auf jedem Quadratmillimeter der Anschlagsplatte gleich groß sein. Das Prinzip bei allen Fabrikaten ist ähnlich dem einer Haustürklinge, nur dass die Kontaktauslösung unterschiedlich erfolgt.

Stadionwelt: Was muss noch außerhalb des Beckens passieren?

Wolff: Die Verkabelung von allen Teilen, also vom Startsystem, dem Fehlstartplattformen, den Anschlagplatten und Kontroll-Handtaster enden am Zeitmessgerät „System 6”, in dem alle Signale registriert und ausgewertet werden. Auf einer am Zeitmessgerät angeschlossenen Anzeigetafel werden unter anderem die laufende Zeit des Rennens sowie alle Resultate angezeigt. Je nach Wertigkeit der Veranstaltung, beispielsweise bei Deutschen Meisterschaften, wird zusätzlich noch ein großes Video-Display – aus Kostengründen ist es meist nur geliehen - zur Live-Übertragung der Wettkämpfe verlangt. Während und am Ende eines Rennens werden dann die Daten wie Platz, Bahn und Zeit online zum Veranstaltungscomputer zwecks Auswertung und Weiterverarbeitung, beispielsweise für das Erstellen von Ausdrucken, übertragen.

Fehlstartplattform mit LED-Lichtleiste. <br>  Bild: Boards & Timesystems
Fehlstartplattform mit LED-Lichtleiste.
Bild: Boards & Timesystems

Stadionwelt: Wie lange brauchen Sie, um eine derartige Anlage zu installieren?

Wolff: Je nachdem, ob es sich um eine mobile Installation für eine einzelne Veranstaltung oder um eine Festinstallation handelt, zwischen einem und drei Tagen, je nach Anzeigetafelgröße. Das Anbringen der Anschlagplatten ist bei Colorado recht einfach. Das geht über Velcro-Klettverschlüsse ohne Werkzeug, ohne Dübel und ohne Schrauben.

Wenn bei neuen Becken von uns auch die Startblöcke montiert werden sollen, kann es bisweilen zu bösen Überraschungen kommen. Durch den Absprung wirken auf dem Startblock enormen Kräfte, entsprechend muss er im Beton verankert werden. Bei einem Neubau in Istanbul ist es uns vor einigen Jahren passiert, dass die Monteure nach dem Bohren der ersten Löcher wieder abziehen mussten, weil sie unter den Fliesen nur Sand vorfanden, der erst durch Beton ersetzt werden musste. Die Fliesen in der Bahnmitte mussten neu - gerade, anstelle von Schlangenlinien - und so verlegt werden, dass sie auch an beiden Enden des Beckens in der Mitte von jeder Bahn ankamen. Zu guter letzt konnte man noch in der Zeitung lesen, dass bei diesem Bad auch noch die Abwasserleitung vergessen wurde und circa zwei km Straße aufgerissen werden mussten. (Stadionwelt, 23.11.2005)

Das Team von Boards & Timesystems mit dem Zeitmessteam des Schwimmverbandes von Katar <br>  Bild: Boards & Timesystems
Das Team von Boards & Timesystems mit dem Zeitmessteam des Schwimmverbandes von Katar
Bild: Boards & Timesystems






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