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„Das Vertrauen bei den Vereinen ist wichtig“


Dr.-Ing. Schliephake (li.), Dipl.-Ing. Stefan Reischl (re.)
Dr.-Ing. Schliephake (li.), Dipl.-Ing. Stefan Reischl (re.)
Im Stadionwelt-Interview bieten Christian Schliephake und Stefan Reischl, Prokuristen bei der WALTER HELLMICH GmbH, Einblicke in den Sportstättenbau. Dieses Geschäftsfeld hat sich das Bau-Unternehmen aus Dinslaken seit einigen Jahren mit namhaften Referenzen erschlossen.

Stadionwelt: Mit dem Namen „Hellmich“ ist mittlerweile eine ganze Reihe von Stadion-Projekten verknüpft. Bitte geben Sie uns noch einmal den Überblick.
Reischl: Den Anfang machte – in einer Arge – die Arena Auf Schalke. Dann folgte im Auftrag des MSV Duisburg die Planung und der Bau der MSV-Arena. Anschließend haben wir mit dem Umbau des Millerntor-Stadions des FC St. Pauli begonnen, die Arbeiten können jetzt fortgeführt werden, nachdem zwischenzeitlich die Finanzierung des nächsten Bauabschnitts gesichert ist. Für die brita Arena in Wiesbaden haben wir den Infrastrukturbau sowie das Spielfeld durchgeführt, das Stadion als solches ist ja eine Stahlrohrkonstruktion von Nüssli. Ein besonderes Projekt ist der neue Tivoli in Aachen, dieses Stadion wurde ja mit besonders großer Vorfreude erwartet. Zudem steht in Deutschland jetzt für die Hellmich-Gruppe der Neubau des Stadions für den FC Ingolstadt an. Im Ausland sind wir erstmals mit dem neuen Legia-Stadion in Warschau involviert.

Stadionwelt: Welchen Stellenwert hat der Sportstättenbau innerhalb der Hellmich-Gruppe?
Schliephake: Das spezifische Know-how haben wir uns mit der Arena „Auf Schalke“ und der MSV-Arena erworben. Es ist ein Nischengeschäftsfeld, aber eines, das sehr interessante Projekte mit sich bringt. Wir haben unsere Stadion-Bauwerke immer mit Erfolg abgewickelt.

MSV-Arena in Duisburg im Jahr 2004: Umbau bei laufendem Betrieb<br />Bild: Stadionwelt
MSV-Arena in Duisburg im Jahr 2004: Umbau bei laufendem Betrieb
Bild: Stadionwelt

Stadionwelt: Für den Außenstehenden ist nicht immer ersichtlich, welche Herausforderungen ein solcher Bau mit sich bringt – und auch für den Fachmann zeigen sich in der Umsetzung bisweilen Hindernisse. Nennen Sie bitte Beispiele für Lösungen, die Sie im Zuge verschiedener Projekte erarbeitet haben.
Reischl: Besonders hervorzuheben ist unsere Fähigkeit, Neu- und Umbauten im laufenden Spielbetrieb durchzuführen. Hierzu ist das Know-how des kompletten Fußballgeschehens notwendig, damit die Organisation auch mit einer Reihe von provisorischen Maßnahmen abgespult werden kann.

Stadionwelt: Mit welchen Besonderheiten grenzen Sie sich im Kreis der Mitbewerber ab?
Schliephake: Es herrscht selbstverständlich ein Konkurrenzkampf. Und wir müssen uns im Sportstättenbau mit einer Strategie positionieren. Die Referenzliste ist wichtig, aber auch das Vertrauen bei den Vereinen. Bei Neu- oder Umbauten ist die Beratung durch uns sehr wichtig, um mit dem Verein eine machbare Lösung zu erarbeiten. Durch die Präsidentschaft von Walter Hellmich beim MSV Duisburg sowie durch die Beteiligung der Hellmich-Gruppe an der Betriebsgesellschaft der MSV-Arena können wir diese Rolle sehr gut ausfüllen – und mit besonderer Kompetenz, insbesondere wenn es darum geht, die Bedürfnisse des Vereins mit allen Anforderungen eines solchen Projekts in Einklang zu bringen.

Stadionwelt: Bieten Sie in diesem Zusammenhang Standardlösungen an?
Schliephake: Es gibt für ein Stadion weder ein Standardmodell noch Standardverträge. Die grundsätzliche Frage ist immer, was ein Verein sich leisten kann. Dabei bewegt Hellmich sich ausdrücklich nicht auf dem Sektor der Baukasten-Lösungen, die der eine oder andere Mitbewerber auf den Markt bringt. Es ist immer wieder Flexibilität im Denken, in der Planung und dann auch in der Bau-Ausführung erforderlich.

Der neue Tivoli in Aachen, eröffnet im Sommer 2009<br />Bild: Stadionwelt
Der neue Tivoli in Aachen, eröffnet im Sommer 2009
Bild: Stadionwelt

Stadionwelt: Vor dem Bau kommt der architektonische Entwurf und die Planung vieler Gewerke. Haben Sie sich auf bestimmte Ingenieurbüros festgelegt?
Reischl: Nein. Es ist bei jedem Projekt zunächst immer offen, wer was plant. So vermeiden wir eine Monokultur. Wenn immer alles mit den gleichen Leuten gemacht wird, kommen dieselben Baumethoden zum Einsatz, und irgendwann wirkt sich das auch auf das Erscheinungsbild aus – indem alles gleich aussieht. Wir kennen die Stärken der verschiedenen Planungsbüros und können sie dem gemäß einbinden und auch überlegen, wer am besten zu wem passt.

Stadionwelt: Dies sind also Leistungen, die Sie über Partner beziehen.
Reischl: Unsere Eigenleistung, das Kerngeschäft, besteht ganz klar im Bau, dem Bau-Management und der Organisation, der Koordination der Gewerke. Der Stahlbau kann sehr komplex sein, ein Stadion insgesamt bedeutet immer eine Misch-Bauweise. Ein Gebäudetrakt, wie er jetzt in Aachen hinter der Haupttribüne entstanden ist, folgt der Bauweise eines Büro- oder Gewerbe-Gebäudes, die Tribünen und das Dach wieder anderen. Es ist eine Menge an Koordination erforderlich.

Stadionwelt: Welche Rahmenbedingungen galten beim Warschauer Stadionprojekt?
Schliephake: Legia Warschau gehört zu 90 Prozent der Mediengruppe ITI, der daran gelegen war, die Projektentwicklung für ein neues Stadion im synergetischen Sinn wirtschaftlich interessant zu machen. So wurde 2005/2006 eine recht umfangreiche PPP-Ausschreibung durchgeführt. Die Stadt legte allerdings sehr strenge Kriterien an, so dass diese Ausschreibung nicht zum Ziel führte. Die anschließend Ende 2007 aufgerufene Bauausschreibung, die wir im Herbst 2008 gewonnen haben, fiel etwas einfacher aus.

Legia-Stadion in Warschau: So wird es aussehen<br />Bild: HELLMICH Unternehmensgruppe
Legia-Stadion in Warschau: So wird es aussehen
Bild: HELLMICH Unternehmensgruppe

Stadionwelt: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Beteiligten in Polen?
Schliephake: In Polen kommt man ohne Referenzen im Stadionbau, welche die polnischen Baufirmen –noch – nicht besitzen, nicht zum Zuge. Deswegen werden Konsortien zwischen polnischen und deutschen oder anderen ausländischen Unternehmen gebildet, so wie es auch beim Legia-Stadion der Fall ist, welches wir zusammen mit Polimex Mostostal bauen. Momentan sind in Polen ausschließlich polnisch-deutsche oder polnisch-österreichische Konsortien aktiv. Auch für uns ist dieses Modell mit Partnerfirmen im Ausland optimal. Wir arbeiten grundsätzlich im Ausland nur mit Partnerfirmen zusammen.

Stadionwelt: Sind Sie für Sportstätten-Projekte aller Art offen?
Schliephake: Wir sind ein mittelständisches Unternehmen, das weder eine Unter- noch eine Obergrenze zieht. In sofern sind wir vielerorts im Gespräch, oft auch weit im Vorfeld konkreter Planungen. Dies ist wichtig im Sinne der Akquisition, und wir sehen unsere Aufgabe auch darin, beratend tätig zu werden, wenn es um den Themenkomplex Investment/Betrieb und das Zusammenspiel mit der Refinanzierung geht. Die Vereine wenden sich an Firmen mit Erfahrung – und wir haben das Know-how. Wir waren sogar schon in Nordafrika, wir sagen grundsätzlich erstmal zu nichts „nein“.

Stadionwelt: Die neuen Stadien zeichnen sich oft durch ausgedehnte Hospitality-Bereiche aus, aber unter anderem auch durch besondere Dachkonstruktionen und weitere individuelle Merkmale. Plant man heutzutage grundsätzlich in diese Richtung?
Reischl: Was man machen kann, ist immer eine Frage des Budgets. Aber man muss auf jeden Fall auch Marketing-Analysen machen: Wie viele Logen im Einzelfall überhaupt vermarktbar sind, ist eine der großen Fragen, bevor man diese Bereiche plant. In diesem Sinne legen wir Konzepte vor. Der Marktwert ist beim FC St. Pauli sehr hoch, auch der von Alemannia Aachen. In Ingolstadt liegt der Fall doch wieder anders – und auf solche Faktoren gehen wir im Konzept für das jeweilige Stadion ein. Man kann es sich nicht erlauben, auf der Logenebene offensichtliche Lücken zu zeigen. Das lässt sich, wie wir es zum Beispiel in Schalke und Duisburg gemacht haben, lösen, indem man den Ausbau dieser Bereiche nach Bedarf, nach und nach, erledigt.

Warschau im Sommer 2009: Es werden die Tribünenfertigteilplatten komplettiert, und es wird mit den Dachträgern begonnen.<br />Bild: HELLMICH Unternehmensgruppe
Warschau im Sommer 2009: Es werden die Tribünenfertigteilplatten komplettiert, und es wird mit den Dachträgern begonnen.
Bild: HELLMICH Unternehmensgruppe

Stadionwelt: Als Sie in Gelsenkirchen zu bauen begannen, stand der erste Stadion-Boom in Deutschland noch bevor. Und nach der WM 2006 setzte er sich fort. Wie geht es weiter?
Schliephake: Noch während der WM hätten wir uns das nicht vorstellen können. Und sogar, wenn man sich jetzt umsieht, wird klar, dass immer noch viel zu tun ist.

Stadionwelt: Lässt sich im Stadionbau seit den neuesten Projekten in Deutschland eine Entwicklung feststellen? Was macht man heute und morgen aus Ihrer Sicht anders als zuvor?
Reischl: Grundsätzlich findet die Konzeption und planerische Berücksichtigung von optimalen Marketing- und Nutzungsstrategien Einzug in das Stadiongeschäft. Dies war vor der Ära WM 2006 nur vereinzelt der Fall.

Stadionwelt: Werden noch Technologien entwickelt, die zur Verbesserung beitragen, zum Beispiel zur Wirtschaftlichkeit des Bauvorgangs oder der Materialqualität?
Reischl: Generell gibt es ständig Verbesserungs- und Optimierungsideen, auch auf dem Sektor der Bautechnik und der Bauwirtschaft. Im Rohbau und im Bereich der Dachkonstruktionen werden sie von der jeweils individuellen Situation des Bauumfeldes, so unter anderem zum Beispiel der Gründungssituation, voran getrieben. Im Bereich des Ausbaus und der TGA sind es im Wesentlichen Nutzerwünsche oder auch Vorgaben der Stadionsicherheit, die in vielen Details Innovationen begründen. (Stadionwelt, 02.09.2009)

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